
Wintertraube statt Winterschlaf
Wenn draußen Frost herrscht und für uns kein Nektar und Pollen mehr zu holen ist, bleiben wir monatelang im Stock. Wir ziehen uns eng zusammen und bilden eine Wintertraube. Stell dir das vor wie eine große, lebendige Kuscheldecke aus tausenden Blütenpiratinnen. So halten wir uns gegenseitig warm – ganz ohne Kamin oder Heizung. Mitten in dieser Traube sitzt unsere Königin. Sie ist unsere Lebensversicherung und bekommt daher auch den besten Platz: im warmen Zentrum.
Selbst im Winter können wir die Temperatur im Stock präzise regeln. Genau genommen sind wir wahre Meisterinnen der Thermoregulation: Die Bienen am Rand der Traube zittern mit ihrer Flugmuskulatur, ganz ähnlich wie beim Fliegen. Dadurch erzeugen sie Wärme. Wenn sie erschöpft sind, wechseln sie nach innen, wo es kuschelig warm ist. Von dort rücken andere, aufgewärmte Piratinnen nach außen und übernehmen den Heizdienst. Ein perfekt eingespielter Schichtplan mit jeder Menge Teamgeist.

Kalt, warm, kalt – alles nach Plan
Haben wir keine Brut im Stock, lassen wir die Temperatur bewusst absinken, teils auf etwa zehn Grad Celsius. Warum? Weil Dauerheizen viel zu viel Energie kosten würde. Wird es uns zu frostig oder brauchen wir flüssiges Futter, drehen wir auf: Innerhalb eines Tages können wir den Stock auf bis zu 30 Grad Celsius aufheizen – selbst wenn draußen Minusgrade herrschen. Ziemlich beeindruckend für ein paar „Insekten“, oder? Danach lassen wir den Stock wieder langsam abkühlen. Diesen Rhythmus aus Aufwärmen und Abkühlen behalten wir bei, bis es im Frühjahr wieder die erste Brut zu versorgen gibt.
Winterbienen – die Langzeitcrew
In der kalten Jahreszeit besteht unsere Crew aus den sogenannten Winterbienen. Wir schlüpfen im Spätsommer und können stolze sieben bis acht Monate alt werden. Unsere Schwestern im Sommer leben hingegen nur etwa sechs Wochen. Kein Wunder, sie müssen ja auch im Akkord Brut versorgen, Waben bauen, Vorräte ranschaffen und das Volk verteidigen!
Wir Winterbienen sind hingegen aufs Durchhalten spezialisiert. Unsere Mission: Überleben bis es wieder wärmer wird, um im Frühling den ersten Nachwuchs groß zu ziehen. Daher bleiben wir im Winter die meiste Zeit im Stock und schonen unsere Kräfte. Nur an besonders milden Tagen wagen wir uns kurz hinaus, um uns zu erleichtern. Schließlich soll unser Zuhause sauber bleiben – Piratinnen haben eben Stil.
Unser Körper ist anders gebaut als der einer Sommerbiene. Wir verfügen über üppige Fett-Eiweiß-Reserven, auf die wir mächtig stolz sind. Eine Mischung aus Vorratskammer, Immunsystem und Heizzentrale. Dieses Polster hilft uns durchzuhalten und das Volk ins Frühjahr zu tragen. Aber so ein Fettkörper fällt nicht einfach vom Himmel. Damit er wächst, brauchen wir im Spätsommer und Herbst reichlich hochwertigen Pollen. Jede Blüte, die wir dann noch kapern, jede Pollenladung, die wir heimbringen, entscheidet darüber, wie stark wir in den Winter gehen. Fehlt es an Pollenvielfalt oder -menge, bleibt unser Fettkörper klein. Daher freuen wir uns über jede Blüte, die ab August, September noch in euren Gärten zu finden ist. Was wir in dieser Zeit besonders mögen: spät blühende Kräuter wie Dost, Ysop und Borretsch. Aber auch Sedum, Ringelblumen, Herbstastern, Phacelia, Herzgespann und Blutweiderich. Also, denkt an uns, wenn ihr im Spätsommer euren Garten bestellt. Vielleicht schauen wir dann bei euch vorbei, um uns für den Winter zu rüsten.


P.S. Wer uns im zeitigen Frühjahr unterstützen will, kann Christrosen, Schneeglöckchen, Krokusse und Winterlinge pflanzen. Denn mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen wagen wir uns nach draußen, um Pollen für die erste Generation an Sommerbienen zu sammeln, die schon bald den Staffelstab von uns übernehmen werden.




Text: Julia Krug-Zickgraf
Fotos: Jens Zickgraf & Julia Krug-Zickgraf


